Parasailor

Spinnaker wirken immer eindrucksvoll und faszinierend. So ein Segel wünschte ich mir natürlich auch. Wenn da nur nicht die bösen Erinnerungen wären, die ich auf Chartertörns gemacht hatte an denen ich früher mal teilnahm.

Auf diesen Booten waren immer mindestens acht Leute und trotzdem war Spinnakersegeln immer eine spannende Sache. Das fing schon mit dem Setzen an, wenn unendliche Tuchmengen aus dem Niedergang quollen und mehrere Leute notwendig waren um sie und die vielen notwendigen Leinen zu bändigen. War dann endlich alles klariert und das Ding stand ging immer ein Aufatmen durch die Mannschaft, die sich für ihre Leistung natürlich mit dem obligatorischen Manöverschluck belohnen musste. Wer jetzt glaubte, dass damit die Arbeit getan sei und relaxtes Spinnakersegeln vor dem Wind folgen würde, sah sich getäuscht. Ständig musste irgendetwas nachgetrimmt werden und eine unterschwellige Angst vor plötzlichen Böen war auch immer da.

Für mich und mein konsequent auf Einhandsegeln ausgerüstetes Boot, war nach dieser Erfahrung ein Spinnaker so nicht denkbar. Trotzdem verfolgte ich aufmerksam hin und wieder in den Segelzeitschriften auftauchende Berichte über ein neuartiges, Parasail genanntes Segel, bei dem Ideen aus der Gleitschirmfliegerei übernommen worden waren und dem die bekannten Nachteile der Spinnaker deshalb weitgehend fehlen sollten. Gespräche mit anderen Seglern und auch Diskussionsrunden in Foren brachten alle das gleiche Ergebnis. Obwohl niemand dabei war, der schon mal ein solches Segel mit eigenen Augen gesehen, geschweige denn selbst gesegelt hatte, waren sich alle einig: So etwas konnte nicht taugen und überhaupt dieser filigrane Flügel, diese vielen Fäden mussten sich doch vertüddeln.

Ich selbst sah das nicht ganz so kritisch. Als Entwicklungsingenieur, wenn auch in einer ganz anderen Branche, wusste ich, dass es manchmal gar nicht so schlecht ist über den Zaun zu schauen. Andere Leute sind schließlich auch nicht dumm. Nach und nach konnte ich auch feststellen, dass der Parasailor wie er inzwischen genannt wurde, vor allem in der Fahrtenseglerszene mehr und mehr Freunde gewann. So war z.B. bei der ARC ein erheblicher Teil der Boote damit ausgerüstet. Wer weiß, wie diese Segler denken, weiß auch, dass sie nicht mit einem Ausrüstungsteil über den Atlantik gehen, dem sie nicht hundertprozentig vertrauen.

Auf der Messe in Düsseldorf lernte ich dann Wolfgang Hamann aus Bocholt kennen, der diese Segel u. a. vertreibt. Als Verkäufer war er natürlich von seinem Produkt überzeugt. Er war sogar so überzeugt, dass er mich im Sommer zu einem Probesegeln einladen wollte. Ende Mai war es dann soweit. Ich hatte schon gar nicht mehr an die Geschichte gedacht als Wolfgang anrief. Obwohl mein Segelbudget für das Jahr eigentlich schon verplant war machten wir einen Termin ein paar Wochen später in Hindeloopen. Diese Chance mir ein eigenes Urteil zu bilden wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.

Vom eigenen Boot aus sind Spinnaker nicht leicht zu fotografieren aber das ist er: Parasailor 2 auf der MERGER

Am vereinbarten Samstag schien nicht nur die Sonne, es wehte auch ein sanfter Dreier. Ideales Wetter zum Spinnakersegeln dachte ich. Zumindest würden wir einen schönen Tag haben. Wolfgang rückte pünktlich mit drei Helfern an. Alles junge, muskelbepackte Kerle wie man das zum Spinnakersegeln eben braucht, dachte ich wieder. Wir liefen aus, Wolfgang verwickelte meine Frau und mich geschickt in ein Gespräch, während die drei sich ans Werk machten. Ehe ich mich versah stand der Parasailor und wir glitten sanft wie auf Schienen dahin. Sollte das schon alles gewesen sein?

Nein, das war es natürlich nicht. Ich durfte mir wünschen, was ich noch sehen wollte. Ich wünschte mir eine Halse und passte diesmal genau auf ohne mich ablenken zu lassen. Auch das war im Nu erledigt. Während der Mann am Ruder auf neuen Kurs ging, klinkte ein anderer den Baum auf die neue Schot. Obwohl mehr als 120 m2 Segel standen, sah alles so spielerisch leicht aus.

 „Kannst du das auch alleine?“ wurde ich mutiger. „Klar kann ich das“ meinte er und fing ohne zu zögern an mir zu zeigen wie. Diesmal fiel das Segel zwar etwas ein, weil er zwischendurch nach hinten musste um die Selbststeueranlage auf neuen Kurs zu bringen aber der Parasailor öffnete sich sofort wieder stabil. Ich hatte es ganz genau beobachtet. Den von anderen Spinnakern mir nur allzu bekannten Ruck hatte ich fast nicht bemerkt. Auch Setzen und Bergen führte er mir dann noch allein vor. Bei mir

würde das Ganze nicht so elegant aussehen aber mit diesem Segel umzugehen traute ich mir auch zu, zumal es auf meinem Boot nur etwa 65 m2 groß sein würde. Um die Sache abzukürzen: Nach dieser eindrucksvollen Vorstellung benötigten wir nur noch einige Wochen, bis sich unsere Preisvorstellungen aneinander angeglichen hatten und auch ich im Besitz eines Parasailor 2 war.

Auch wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin, mache ich unterwegs alle Arbeiten an den Segeln allein. So habe ich auch eine, hm sagen wir mal,  eher unkonventionelle Methode entwickelt den Parasailor zu setzen. Diesen ganzen bei Spinnakern üblichen Heckmeck, wie im Windschatten des Großsegels usw. mache ich nicht. Ich nehme alle anderen Segel weg und gehe unter Motor und Selbststeuerung mit ganz kleiner Fahrt vor den Wind. Die Tasche mit dem Parasailor stelle ich auf die Vorschiffskoje und lege das obere Teil des Segels aus der Decksluke. Auf dem Vorschiff ziehe ich mit dem Spinnakerfall das komplette Segel im Bergeschlauch nach oben. Bei meiner Segelgröße geht das auch ohne Winsch noch ohne Schwierigkeiten. Selbst der Trichter am Bergeschlauch geht problemlos durch das Luk. Eigene Schoten habe ich nicht. Ich verwende die normalen Vorsegelschoten, die ich mit einem Palstek an die farblich gekennzeichneten Schothörner knüpfe. Oben am Segel habe ich einen Wirbel angebracht und so brauche ich mich nicht darum zu kümmern ob etwas vertörnt ist. Da ich auch beim Baum auf spezielle Trimmeinrichtungen verzichte ist die ganze Vorbereitung auch für mich allein eine Sache von wenigen Minuten.

Nach Hochziehen des Bergeschlauches und Dichtholen der Schoten beginnt für uns der Segelspaß pur. Das Segel und auch der Flügel stehen auf Anhieb. Da vertörnt sich nichts und es gibt auch keinen Ruck, wenn es sich öffnet. Auch die von anderen Spinnakern bekannte Notwendigkeit zum ständigen Nachtrimmen kenne ich nicht. Ich lasse eigentlich immer unter automatischer Steuerung das Boot einfach laufen. Da ich inzwischen aus Erfahrung weiß, dass das Segel auch Böen problemlos wegsteckt bin ich dabei ganz entspannt. So gesehen ist der Parasailor mein liebstes aber auch mein teuerstes Segel. Und das ist aus meiner Sicht der einzige Nachteil. Wenn man wie ich noch berufstätig ist und deswegen nur begrenzte Zeit zum Segeln hat, sind die idealen Situationen für den Einsatz doch recht selten. So gesehen ist Segeln mit dem Parasailor ein wirklich schönes aber leider auch recht teures Vergnügen.

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