„Was hältst du von dem Funk-KW-Erdungskonzept mit der Kiss-SSB-Erde wie sie im Blog der "Eisernen Dame*" beschrieben wird?“ fragte mich kürzlich ein langjähriger Freund in einer Mail. „Ich habe die vollmundige Werbung dazu schon vor über einem Jahr als Bauernfängerei bezeichnet (hier im unteren Drittel)“ war meine kurze Antwort dazu und betrachtete die Sache damit als erledigt.

Meine Leserzuschrift wurde innerhalb weniger Stunden gelöscht - sie war wohl nicht förderlich fürs Geschäft.

Dem war nicht so. Innerhalb weniger Tage erreichten mich mehrere Mails mit ähnlichen Fragen und auch im TO-Forum gibt es einen Thread dazu, auch wenn der sicher nicht ganz uneigennützig von einem Wettbewerber obigen Blogbetreibers gestartet wurde. Anlass für mich nicht nur im Forum zu antworten, sondern auch eine Leserzuschrift auf die Blogseite zu setzen. Letztere wurde leider innerhalb weniger Stunden gelöscht. Sie war wohl nicht förderlich fürs Geschäft.

Marconi-Antenne

Ersatzschaltbild

Zur Erinnerung: Schon Marconi erkannte vor über hundert Jahren, dass man die eine Hälfte eines vertikal aufgehängten Dipols durch eine Erde ersetzen kann, da diese dann die andere spiegelt. Marconi stellte auch fest, dass dies für eine gute Funktion einen sehr gut leitenden Boden voraussetzt. Aus diesem Grund baute er seine Funkstation, mit der er erstmalig den Atlantik überquerte, in einem Moor in Cornwall auf.

Warum die HF-Erde elektrisch gut leitfähig sein muss, erkennt man sofort, wenn man ein Ersatzschaltbild ansieht. Nur wenn der Erdwiderstand 0 Ω ist, wird die ganze Sendeleistung im Strahlungswiderstand „verbraucht“, d.h. über die Antenne abgestrahlt.

Da Erdverhältnisse selten ideal sind, fehlte es nicht an Versuchen, diese Erde durch andere Mittel zu ersetzen. So wurden z.B. große Metallflächen erfolgreich erprobt. Als wirkungsvoller und vor allem kostengünstiger erwiesen sich aber aus möglichst vielen Radials bestehende „Groundplane“ genannte künstliche Erdsysteme.

 Groundplane - Ersatz der Erde durch Radials

Die Funktion einer Groundplane ist schnell erklärt. Bei einem Dipol hat jede Hälfte einen Strahlungswiderstand von 36 Ω. Da beide gleich sind, wird die Sendeleistung über beide Seiten gleichmäßig abgestrahlt. Knickt man die eine Hälfte des Dipols ab, hat man das erste Radial einer Groundplane,  über das freilich weiterhin HF abgestrahlt wird. Mit jedem weiteren dazu geschalteten Radial verringert (Parallelschaltung von Widerständen!) sich der Widerstand der Groundplane (36 Ω / Anzahl der Radials), so dass die über die Antenne abgestrahlte HF mit der Anzahl der Radials exponentiell fallend steigt.

An Land gibt es solche Antennensysteme häufig und in Funkerkreisen sind sie sehr bekannt. Was sich an Land bewährt hat, kann an Bord nicht schlecht sein denken wohl viele, und so fehlt es nicht an Versuchen auch dort Radials  als HF-Erde zu benutzen. Bis auf absolute Ausnahmen fehlt an Bord der Platz um mehr als ein Radial unterzubringen, deshalb wird die Hälfte der HF über dieses Radial abgestrahlt, was nicht nur zu schwachen Signalen sondern auch häufig zu unerwünschten Störungen in der Bordelektronik führt. Das Ansinnen Radials zu benutzen, endet deshalb oft als Fehlschlag, zumal wenn man berücksichtigt, dass man mindestens eines für jedes Frequenzband haben muss.

HF-Erde mit einer Metallfolie, die als Kondensator durch das GFK des Rumpfes auf das Wasser koppelt.

Wer die Funktion der HF-Erde, wie ich sie oben erläutert habe, nur einigermaßen verinnerlicht hat, wird niemals auf die Idee kommen auf einem Boot Radials zu benutzen. Das uns dort umgebende Salzwasser ist die beste denkbare Erde, an die man nur ankoppeln muss. Wie man das macht habe ich an anderer Stelle ausführlich erläutert. Bei einem Metallrumpf ist das sowieso kein Thema, bei GFK haben sich leitfähige Flächen aus Metallfolie oder spezieller Farbe bewährt, über die als Kondensator durch das Harz des Rumpfes an das Wasser angekoppelt wird. Wie man das Ganze konkret ausführt ist letztlich von untergeordneter Bedeutung, Hauptsache der Erdwiderstand d. h. der Übergangswidersstand zum Wasser wird sehr klein.

Was das alles mit der Kiss-Erde zu tun hat? Nun, die ist nichts anderes als ein Bündel Radials (Drahtstücke!) für verschiedene Frequenzen in einer gemeinsamen Umhüllung. Sie kann von daher günstigstenfalls so gut wie ein Radial funktionieren. In der Praxis werden die Ergebnisse deutlich schlechter sein, da sich individuelle Gegebenheiten des Schiffes stark auswirken. Warum, so stellt sich die Frage, sollte ich 139 USD für ein bestenfalls zweitklassiges weil zu hochohmiges Ergebnis ausgeben, was ich anders (z. B. durch eine Metallfolie) weit besser und billiger erreichen kann? Die eventuell schnellere Montage mag ein Grund sein, der sich langfristig aber sicher rächt. Pfusch zahlt sich im Leben selten aus und auf See nie, so jedenfalls meine Erfahrung. „Was willst du eigentlich, das funktioniert doch prima“ höre ich da die Zweifler an meiner Darstellung. „Sicher,“ kann ich dazu nur sagen „bei guten Funkbedingungen funktioniert auch der sprichwörtlich Feuchte Schnürsenkel, aber wenn die Bedingungen mal etwas bescheidener sind, wirst du es merken. Dann funktioniert es bei anderen noch, während dir die entscheidenden dB fehlen. Gegenfrage: Rüstest du dein Boot, mit dem du auf Langfahrt gehst, etwa auch nur für Schönwetter aus?“

Ich habe viel Kontakt zu segelnden Funkamateuren und bin es von daher gewohnt überwiegend auf eher bescheidende HF-Kenntnisse zu stoßen. Woher sollen sie die auch haben, wenn sich die Lizenzprüfung auf das Auswendiglernen eines Fragenkataloges beschränkt? Zu denken gibt mir aber, dass sich Händler, die eigentlich einen Kunden doch qualifiziert beraten müssten, auch nicht besser auskennen. Wenigstens die müssten doch etwas für ihre Fortbildung tun. Oder lässt sich Kundenbindung heutzutage ausschließlich auf etwas Marketing-Blabla aufbauen? Funk- und damit Antennentechnik ist nämlich keine Glaubenssache, wie uns mache weis machen wollen. Glauben ist in diesem Zusammenhang immer ein Mangel an Wissen.

* Name von der Redaktion geändert